Bild 13 alles fertig
Ausstellung

Idee

Nach jeder Grünen Woche kam in unserem Verein Aquaria Zehlendorf (Berlin) die Diskussion auf: Wollen wir da nicht auch mal mitmachen? Wir sind ein relativ kleiner Verein mit 18 Mitgliedern und davon ist ca. die Hälfte regelmäßig aktiv. Es galt also eine Idee zu entwickeln, die mit unseren begrenzten finanziellen und personellen Mitteln umzusetzen war. Es durfte weder zu teuer, noch zu schwer werden, denn die Mehrzahl unserer Bandscheiben will altersgemäß mit Vorsicht behandelt werden! Andererseits sollte sich unser Messebecken schon von den „normalen“ Aquarien unterscheiden, die jeder von uns im Wohnzimmer stehen hat. Nachdem sich die HTP-Aktivisten getroffen hatten, waren wir uns daher schnell einig: Es sollte ein Bachlaufbecken sein. Der Bachlauf sollte aus drei Einzelbecken gefertigt werden. Die Maße der Becken mussten sich dabei, mit max. 1,50 m Länge, den Abmessungen meiner Werkbank anpassen. Aufgrund des geplanten geringen Wasserstandes von durchschnittlich 20 cm würde 6-er Glas ausreichen und somit Kosten und Gewicht im Rahmen bleiben. Am Ende war ein Paludarium als Eckbecken vorgesehen. Hier würde der Bachlauf münden und der Überlauf ins Filterbecken den Wasserstand bestimmen. Im Filterbecken sollte über große Filtermatten gefiltert werden, damit eventuell eingespülte Fische keinen Schaden nehmen können. Das Wasser würde dann mittels Pumpe und Schlauch wieder zum ersten Becken befördert werden. Man würde also auf ca. 5 m Ansichtsfläche kommen. Soweit die Theorie.

 

Modell

Um die Machbarkeit zu beweisen und den restlichen Vereinsmitgliedern einen realistischen Eindruck unserer Idee zu vermitteln, wurde zunächst ein Modell im Maßstab 1:5 gebaut. Dieses Modell ergab dann auch wertvolle Erkenntnisse bezüglich der optischen Darstellung von Strömung und Wasserbewegung. Die Vorstellung, mit viel Pumpenleistung auch viel Effekt zu erzielen, stellte sich als falsch heraus. Bei ebenem Bachlauf stieg mit der Förderleistung lediglich der Wasserstand an, der optische Reiz eines kleinen Fließgewässers war so nicht zu erzielen. Erst als das Becken mit 5 % Gefälle aufgestellt wurde floss das Wasser entsprechend schnell ab und es zeigten sich die gewünschten Strömungseffekte: Wellen, kleine Kehrwasser nach Hindernissen, sowie ein kräftiger Kiesabtrag stellten sich ein.

 

Beckenbau

Die Umsetzung der Erkenntnisse aus dem Modell-Testlauf hatte einige Änderungen in der Planung zur Folge:

  1. Der 5,10 m lange Bachlauf konnte aus Gewichts- und Gestaltungsgründen nicht mit echten Steinen verwirklicht werden. Wir stellten daher leichte „Steine“ aus Hartschaum her, die mit Silikon und Grobsand beschichtet wurden und eine „naturnahe“ Gestaltung ermöglichten.
  2. Wir mussten die Strömung mit relativ wenig Pumpenleistung sichtbar machen, denn nach der Hochrechnung der Werte aus dem Modell, wären etwa 35 m³ Förderleistung pro Stunde für den Messebau erforderlich gewesen!  Daher sollten Hindernisse,  flutende Bepflanzung und ins Wasser herabragende Uferpflanzen dazu dienen die Wasserbewegung sichtbar zu machen.
  3. Um ein Gefälle zu erreichen konnte der Bachlauf nicht einfach angekippt werden, wie wir das mit dem Modell gemacht hatten. Wir bauten also das erste Becken 8 cm höher als den Rest ein. Im ersten Becken waren 2 Schwellen vorgesehen, die vom Einlauf bis zum nächsten Becken je 5 cm Höhe vermitteln sollten. Da wir nicht wussten, ob die Fische den Weg „bergauf“ bewältigen würden, ließen wir es dabei bewenden. Schlimmstenfalls würden wir die Fische nur im längeren Rest zeigen können. Die einhellige Befürchtung war: Die Fische halten sich garantiert alle im Paludarium auf und im Bachlauf wird es leer sein. Das war zum Glück weit gefehlt!
  4. Staustellen und Ruhezonen ergaben sich ebenfalls, und genau so sollte es sein, wir wollten ja beim Fischbesatz keine reinen Strömungsspezialisten zur Messe einsetzen – wer hat schon ein Bachlaufbecken daheim, um sie hinterher artgerecht zu pflegen?
  5. Die Übergänge zwischen den Becken sollten möglichst „unsichtbar“ sein und so wurden einige „Steine“ so angepasst, dass sie beim Verkleben der Becken exakt ineinander oder übereinander passten. Dies war nötig, um die Aussteifungen zu verdecken, die als 4 cm hohe Streifen auf die sonst ungeschützt (mangels Seitenscheiben) endenden Bodenscheiben geklebt wurden.

Die langen Becken hatten die Maße 1,50 X 0,30 X 0,50 m L/B/H und da sie, bis auf das erste Becken, keine Seitenscheiben hatten, waren sie oben herum recht „flexibel“. Diese Tatsache bereitete uns zwar beim Transport etwas Sorgen, stellte sich später beim Zusammenkleben der Einzelbecken aber als Vorteil heraus, denn man konnte sie sich etwas „zurechtbiegen“. Alle Teilbecken mussten weitgehend fertig dekoriert auf die Messe geliefert werden, weil wir bei 9° C Hallentemperatur nur noch das Nötigste kleben wollten, nämlich die Beckenanschlüsse. Die Rückwände wurden schwarz gestrichen, um etwas Tiefe hineinzubringen, und dann mit Korkrinde dekoriert.

Das Paludarium war ebenfalls ein recht „luftiges“ Bauwerk, da es ja fast nur aus Durchbrüchen bestand: Der Bachlaufanschluss, der Überlauf zum Filter, die Wartungstür in der inneren Seitenscheibe und die obere Öffnung! Die Maße waren mit 0,85 X 0,60 X 0,85 m L/B/H gerade noch praktikabel, denn die Armlänge trennt dann doch das Machbare vom Wünschenswerten! Ein besonderes Vergnügen war noch die Bastelei des Überlaufs zum Filter!

Das Filterbecken von 0,70 X 0,50 X 0,50 m L/B/H war fast komplett mit Filtermatten ausgelegt. Unter den Matten saugten die 2 Eheim-Pumpen (je 65 Watt und zusammen ca. 3,5 m³ / h Förderleistung) das Wasser ab und beförderten es ins Becken zurück. Im Filter war auch noch die restliche Technik untergebracht und bei einer Pumpenabschaltung musste dort alles nachströmende Wasser aufgefangen werden. In unserem Fall war das die Grundfläche mal 1 cm, also etwa 25 Liter „Nachlauf“.

 

Kunststeine

Anfangs hatten wir mit Styrodur (Hartschaumplatten zur Hausisolierung aus dem Baumarkt), wasserfestem Holzleim und Sand experimentiert, was in kleinem Maßstab auch gut funktionierte, bei größeren Schichtstärken aber Probleme bereitete. Es kam zu langen Aushärtezeiten, dadurch zu Geruchsbelästigung und zu Auflösungserscheinungen unter Wasser. Am Ende verfuhren wir wie beim Modell: Die Steine wurden mit Säge und Messer zugeschnitten, mit der Stahlbürste aufgeraut, mit Silikon beschichtet und in vorher gesiebtem Sand „paniert“. Es entstanden einzelne „Steine“, die nun wie „richtige“ verwendet werden konnten: Man konnte sie drehen und wenden, stapeln und schieben, bis man mit dem Ergebnis zufrieden war und sie dann sogar noch an einer Seite abschneiden, um sie besser ankleben zu können! Die Optik sollte sich dadurch deutlich von den „am Stück“ gegossenen, in vielen Varianten angebotenen, künstlichen Rückwänden unterscheiden. Für die Messedekoration ergab sich noch ein weiterer Vorteil, denn Pflanzen konnten ohne Probleme mit Draht oder Büroklammern festgesteckt werden und die „Steine“ ließen sich mit dem Messer jederzeit nacharbeiten. So konnten wir großzügig (und ohne Reue beim Transport) mit vielen großen „Steinen“ dekorieren. Die Herstellung erforderte allerdings die eine oder andere Stunde Arbeit und etwa 20 Kartuschen Silikon!

 

Messebau

Unser zweiter Vorsitzender übernahm die Messebauleitung und stellte mit Regalelementen die wesentlichen Materialien für den Unterbau zur Verfügung. Nach zwei Tagen waren die vier Becken aufgestellt, verklebt und bis auf eine kleine Stelle auch dicht. Wichtig war dabei im Unterbau zwischen zwei Becken ausreichend breite Lücken frei zu lassen, denn die Becken müssen ja später von außen (wegen der überlappenden Steine innen) wieder auseinandergeschnitten werden! Dann folgten die Elektrik und unsere sonstige Standeinrichtung. Besonders wichtig für unser leibliches Wohl: Die Kaffeemaschine, die Kochplatte und der Kühlschrank! Mit dem ersten Testlauf wurden die Wasserstände zwischen den Schwellen durch Nacharbeiten gleichmäßig eingestellt. 175 kg Kies wurden gewaschen und (wie in natürlichen Gewässern) vom Ober- zum Unterlauf feiner werdend verteilt. Dann gingen die Pflanzenspezialisten an die Arbeit, manches wurde noch zurechtgerückt und schließlich wurde der Filter noch mit Schlamm „geimpft“. Nach ein paar Tagen wurden die Fische eingesetzt und alles lief wie es sollte.

 

 

Pflanzen

Wir hatten das Glück, 2 Fachleute der Pflanzenverwendung in unseren Reihen zu haben. Die eine ist im Arbeitskreis Wasserpflanzen des VDA sehr aktiv, der andere im Orchideenverein.

Die Bepflanzung des Wasserteils, stellte durch den geringen Wasserstand und die Strömung eine besondere Herausforderung dar, denn es kamen nur strömungsliebende Pflanzen infrage. Im Bereich der „Quelle“ wurde die Zwiebelpflanze Crinum thaianum eingesetzt. Sie begleitete mit ihren langen und flachen Blättern den Weg des Wassers über die Schwelle und beeindruckte damit viele Besucher der Messe. Im zweiten Strömungsbecken wurde Cryptocoryne crispatula var. balansae eingesetzt, die ebenfalls in stark strömenden Gewässern beheimatet ist. Mit ihren bullösen, bandförmigen Blättern bildete diese Pflanzengruppe ein gutes Pendant zu Crinum thaianum. Ferner wurde in allen Beckenteilen Anubias barteri var. nana eingesetzt, deren Heimat ebenfalls stark fließende Gewässer sind. Vorab waren jeweils mehrere Rhizome auf Lavasteinen aufgebunden worden, was den Vorteil hatte, dass diese nur noch in den Bodengrund „vergraben“ werden mussten – somit war innerhalb von drei Stunden die submerse Bepflanzung fertig.

Für die Bepflanzung des Landteils konnte unser Fachmann für Orchideen aus dem Vollen schöpfen und hatte sämtliche benötigte OrchideenTillandsienBromelien und Farne dafür in seinem Gewächshaus extra herangezogen, bzw. aus seinem eigenen Bestand zur Verfügung gestellt! Beiden sei Dank!

 

Besatz

Wir haben uns auf asiatische Arten beschränkt, die schwimmfreudig und einfach zu halten sind. Die Fische aus unserem Bestand hätten sich nicht für einen Bachlauf geeignet, daher wurden sie im Fachhandel erworben: Labeo frenatum – Grüner Fransenlipper, Danio kyathit  – Leopardbärbling, Aplocheilus panchax – Gemeiner Hechtling, Tanichthys albonubes – Kardinalfisch, Puntius anchisporus – Sumatrabarbe. Ansonsten zeigten wir noch Ampullaria spec. – Apfelschnecke und Neocaridina heteropoda var. red – Red fire – Garnele.

Als die ersten Fische eingesetzt wurden, dauerte es zu unserer Überraschung keine 5 Minuten bis die meisten Bärblinge und Fransenlipper die Schwellen überwunden hatten und sich munter im ersten, gut durchströmten Becken am Einlauf aufhielten! Es war herrlich mit anzusehen, wie sie Anlauf nahmen und dann wie dunkle Blitze aufwärts schossen. Die Fransenlipper konnten sogar dabei beobachtet werden, wie sie versuchten, den kleinen „Wasserfall“ des Einlaufs zu erklimmen und dabei senkrechte Sprünge von 15 cm machten!

 

Probleme

Die hohe Steinformation am Anfang des Beckens wurde zum Beispiel ganze drei Mal beschichtet und ein- bzw. ausgebaut! Beim ersten Mal musste der Holzleim-Sand-Beton mühsam in fingernagelgroßen Stücken wieder abgebrochen werden, denn der Langzeittest hatte nichts Gutes erwarten lassen. Als nächstes hatte ich  versehentlich überlagertes Silikon erhalten und am nächsten Morgen war ich nahe daran, zu den Hobbyeisenbahnern zu wechseln: Man konnte die klebrige Masse mit dem Finger wieder abschieben! Also wurden erneut alle Steine abgespachtelt, gereinigt und zum dritten Mal beschichtet und „paniert“! Man sieht es ihnen zum Glück nicht an.

Irgendwann verbreitete unsere große Kreiselpumpe aus dem Haustechnikbereich ein hohes Pfeifen, welches in der halben Halle unangenehm zu hören war! Die Lager waren wohl nicht mehr in Ordnung und wir mussten schnell auf 2 betagte, aber bewährte Eheim-Pumpen ausweichen.

Da unser Stand kurz vor der Messe nochmals verlängert wurde, versuchten wir noch ein zusätzliches Becken aufzustellen, hatten aber Pech, denn es wurde undicht. An dieser Stelle war nun ein schönes, gerahmtes Pflanzenfoto in der Standfassade zu sehen!

Aber das waren alles nur Kleinigkeiten. Schlimmer war, dass ein Vereinsfreund kurz vor der Eröffnung der Grünen Woche ins Krankenhaus gehen musste – vielen Dank und Respekt für seine engagierte Arbeitsleistung!

Fazit

Für uns war das Jahr der Vorbereitung nicht nur arbeitsreich, sondern vor allem spannend. Wir hatten auf den Vereinsabenden anregende Diskussionen, verloren uns schon mal in allerlei spannenden Nebenthemen der Hydraulik, Gewässerkunde, Pumpentechnik, etc. und hatten am Ende für alles eine machbare Lösung gefunden. Wir hatten es mit Zeitdruck und recht kalten Arbeitsbedingungen zu tun und saßen zum Messebeginn ziemlich erschöpft hinter den Kulissen unseres Standes, aber wir waren auch sehr zufrieden mit uns: Alle konnten alle ihre unterschiedlichen Fähigkeiten einbringen, wir waren zu einer tollen, leistungsfähigen Truppe geworden und hatten auch noch unseren Spaß miteinander – so sollte Vereinsleben sein! Gemeinsam konnten wir eine spannende, aquaristische Idee umsetzen, was im privaten Rahmen wohl kaum möglich gewesen wäre. Vielen Dank an alle, die sich so engagiert haben. Und ob wir zur HTP 2011 wollen? Na klar!

 

Text: Jürgen Koppa

Fotos: Jürgen Koppa / Aquaria Zehlendorf

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